Verkörperte Achtsamkeit durch «Somatic Experiencing SE»

Ein Bericht vom 10. Bildungsfestival in Weggis

Achtsamkeit ist in aller Munde und schwirrt in vielen Gehirnen. Noch wirkungsvoller, haben sich die Organisatoren des 10. Bildungsfestivals (www.bildungsfestival.ch) gedacht ist es, wenn Achtsamkeit in allen Körpern zu Hause ist. Deshalb präsentiert das Polarity Bildungszentrum am dritten August-Wochenende unter dem Titel «Verkörperte Achtsamkeit» die dänische Körperpsychotherapeutin Marianne Bentzen (Mehr über Marianne Bentzen) den in den USA lehrenden Aikido-Trainer Tom Crum (Mehr über Tom Crum), sowie Peter Levine, den Begründer der körperorientierten Form der Traumatherapie «Somatic Experiencing SE» (Mehr über Peter Levine und seine Arbeit) in Weggis am Vierwaldstättersee. Da ich lediglich den Workshop von Peter Levine besuche, berichte ich auch nur darüber.

Als Mensch, der sich auf den Weg gemacht hat nicht mehr der Versuchung zu erliegen, die Traumata seiner Vorfahren zu bearbeiten, sondern die eigenen, habe ich schon oft von der Methode “Somatic Experiencing SE” sowie ihrem Begründer Peter Levine gehört. Deshalb habe ich mich auch von der Werbung des diesjährigen Bildungsfestivals angezogen gefühlt, die mit der Unterzeile «Aus der Mitte des Körpers in die Mitte des Lebens» eine meiner wesentlichen Bewegungen sprachlich zusammenfasst. Und ich werde nicht enttäuscht.

Peter Levine: klar, natürlich und überzeugend

Peter Levine entwickelte seine ganzheitliche Methode in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts und ist seither mit Klientinnen und Klienten unterwegs. Parallel dazu wirkt er an vielen Orten als Lehrer und Vermittler seiner Methode. Als interessierter Beobachter erfreue ich mich an seiner Klarheit, Natürlichkeit und seiner Überzeugung, mit welchen er die theoretischen Eckpfeiler dieser Form der körperorientierten Traumatherapie präsentiert. Die Anregungen, die der Erkenntnis entspringen, dass der Körper den Emotionen, wie zum Beispiel der Angst, dem Ekel, der Wut, der Trauer, der Freude, der Neugier, der Überraschung, der Depression, der Zufriedenheit, dem Stolz, der Scham oder dem Neid voraus ist, sind mannigfaltig:
- Wir sind wütend, weil wir weinen. Wir sind also nicht zuerst wütend und dann weinen wir.
- Jede Emotion ist mit dem Körper und deshalb auch mit einer Haltung des Körpers verbunden.
- Bei einem Ereignis von aussen ist es möglich, dass unsere normalen Orientierungssensoren nicht schnell genug aktiv sein können, wir dadurch unsere Orientierung verlieren und deshalb unsere Emotionen im Körper stecken bleiben.
- Wovor du Angst hast ist selten das, was du denkst du hast Angst davor, sondern du hast Angst vor dem, was du mit der Angst verbindest.

Auf dem Weg zur Veränderung der inneren Haltung

Den Weg, den Peter Levine seine Klientel mit der Methode «Somatic Experiencing SE» so unaufdringlich wie vorurteilsfrei, freundlich und bestimmt einlädt zu gehen, ist der folgende:
• Erkenne die Emotion;
• Erlaube dir den Gedanken und die entsprechende Erfahrung zu machen
• Untersuche mit Neugier, wo sie im Körper ist, was für eine Temperatur sie hat und wie ihre Qualität sich anfühlt
• Entwickle eine kreative Neutralität, damit du dich nicht mit der Erfahrung identifizierst und weiterhin stecken bleibst.

Peter Levine steuert damit auf die Veränderung der inneren Haltung zu, sowie auf die Wahrnehmung davon. In diesem Zusammenhang zitiert er aus dem Buch «Die innere Stimme der Liebe» des holländischen Priesters, Psychologen und geistlichen Schriftstellers Henri Nouwen aus dem Abschnitt «Begib dich in den Ort deines Schmerzes hinein»:

…«Du kannst nicht um etwas trauern, was nicht gestorben ist. Also müssen die alten Schmerzen, Neigungen und Sehnsüchte, die dir einmal sehr viel bedeuteten, begraben werden. Du musst deine verlorenen Schmerzen beklagen, damit sie dich nach und nach ganz verlassen und du frei wirst, voll und ganz am neuen Ort zu leben, ohne Wehmut und Heimweh.»

Für die Emotionen einen Behälter schaffen

Für Peter Levine ist offenkundig, dass uns unbewusste und bewusste Dinge gleichermassen beeinflussen. Wenn wir die Einladung an das Bewusstsein aussprechen, dann können wir eine Beziehung zu unserem Körper kultivieren. Diese Beziehung bedeutet Verkörperung. Es geht also nicht darum eine Diskussion über die Emotionen zu führen, sondern mithilfe der körperlichen Fühlebene einen grösseren Behälter für die Emotionen zu schaffen. Also: Nicht nachbohren, sondern der Auskunft des autonomen Nervensystems vertrauen. Denn je mehr wir uns anstrengen Informationen von aussen zu erhalten, desto weniger können wir es innen verarbeiten. Deshalb warnt Peter Levine die anwesenden Therapeutinnen und Therapeuten keinesfalls als Beutejäger für die Gefühle der Klienten zu agieren. Zentral ist für den erfahrenen Therapeuten, dass mit der von ihm entwickelten Methode mit kleinen, die Autonomie unterstützenden Interventionen, das körperliche Terrain als eine Basis der gesamten Lebendigkeit dergestalt ausgedehnt wird, damit der Klientin/dem Klient ein anderer Betrachtungsrahmen angeboten werden kann. Der Prozess wird zum Lehrer. Das Ändern von Emotionen beeinflusst auch die Gedanken: andere Emotionen, andere Gedanken.

Sind die heutigen Soldaten auch warriors?

Zum Schluss meiner Ausführungen noch eine kritische Anmerkung. Peter Levine hat sich auch einen Namen gemacht, in dem er mit von schrecklichen Ereignissen traumatisierten amerikanischen Kriegsrückkehrern erfolgreich gearbeitet hat. Zeugnis davon legen verschiedene Videoaufnahmen ab. Ausschnitte davon dienen im Rahmen des diesjährigen Bildungsfestivals als SE-Anschauungsunterricht. In dem beispielhaft dokumentierten Traumaheilungsprozess kommt auch ein US-Soldat zu Wort. (Ein Beispiel auf youtube)

Nach zahlreichen Sitzungen – und das ist jetzt meine Interpretation und Wahrnehmung – höre und erlebe ich die Worte des Soldaten als so «geheilt», dass bei mir der unmittelbare Eindruck entsteht, als ob sich dieser Mann erneut in den Dienst der Kriegsmaschinerie begeben möchte. Spontan spüre ich: Das kann es ja nicht sein, dass Traumaheilung dazu führt, dass Menschen wieder in den Krieg gezogen werden oder selbst ziehen. Für mich ist Traumaheilung gleichbedeutend mit der Verankerung eines verinnerlichten, nicht nur auf das eigene Individuum reduzierte, sondern auch mit dem Gemeinwohl verbundenen Friedensprozesses, der es mir schlichtweg nicht mehr gestattet für eine Nation oder im Dienste einer Nation in den Krieg ziehen zu wollen.

Vielleicht naiv, denke ich, nehme mir jedoch vor, Peter Levine darauf anzusprechen. Die Nachmittags-Kaffee-Pause erlaubt mir, mich zu sammeln. Schliesslich teile ich Peter Levine meine Gedanken mit. Seine Antwort stimmt mich nachdenklich: “In einer Gesellschaft gibt es healers (Heiler) und warriors (Krieger).” Ich entgegne, dass die heutigen Soldaten der Kategorie Warrior entstiegen sind und so eine umfassend zerstörerische und rücksichtslose Gestalt angenommen haben, die ich nicht mehr als Nachfolger des Archetypus des Kriegers betrachte. Und für mich gehört es eindeutig zur Aufgabe der Trauma-Heilenden, auf diese offenkundigen Täteranteile hinzuweisen und mit ihnen zu arbeiten. Diese Aufgabe, so habe ich Peter Levine zumindest verstanden, verortet er in der Politik und in den auf sie einwirkenden demokratischen Mechanismen. Seine Aussage ist deutlich: Wir müssen die heutigen warriors akzeptieren.

Beim Zuhören fühle ich mein Ringen, dass es in mir immer noch einen Anteil gibt, der gerne mehr Frieden auf unserem Planeten sehen und die heutigen Kriegsmaschinerien und ihre Bediensteten und deren Taten nicht akzeptieren möchte. Und ich bin noch nicht bereit die Hoffnung auszuklammern, dass von einem Trauma-Heilungsprozess «beschenkte», ehemalige Soldatinnen und Soldaten fortan nicht mehr in den Krieg ziehen möchten. Geleitet von der Kraft der Liebe und des Herzens will ich fest davon überzeugt bleiben, dass Menschen die für sich erfolgreich eine Traumatherapie erlebt haben, nicht mehr in der Lage sind, andere Menschen bewusst und willentlich zu traumatisieren.
UnterschriftPeterL076

Veröffentlicht unter Kolumne
2 Kommentare auf “Verkörperte Achtsamkeit durch «Somatic Experiencing SE»
  1. Urs Honauer sagt:

    Vielen Dank für Ihre Beleg-Notiz. Ich habe sie heute kurz überflogen und möchte Sie bitten, SOMATIC EXPERIENCING (SE) als korrekten Begriff für das Werk von Peter Levine einzusetzen. somatic experience entspricht nicht dem wirklichen Namen. Danke!

    Ausserdem glaube ich, dass ihr kritischer Abschnitt am Schluss mehr das Resultat von unklarer Kommunikation als eine Wiedergabe des Ist-Zustandes ist. Ich habe Momente erlebt, wo tiefer Frieden als Vision von Peter Levines Arbeit sich in Form von echten Tränen und Berührung gezeigt hat (z.B. in Würzburg als es um palästinische und israelische Konflikte ging und er mit Menschen aus beiden Kulturen gearbeitet hat). In Israel beginnt bald ein SE-Training mit Arabern, Palästinensern und Israelis zusammen, um dort die Kriegsenergie in neue Bahnen zu lenken.

    Peter Levine hat dieses Jahr auf meine Frage, wie er SE denn heute platzieren würde (45 Jahre nach seinem damaligen Zugang, der bis heute in die Arbeit mit einfliesst), folgendes gesagt: Er würde es nicht mehr primär als Trauma-Auflösung benennen, sondern als “reconnect people with their deeper self”. Traumata stehen genau dem so zentral im Weg durch das grosse Leiden, das sie im Selbst erzeugen. Ich glaube, dass diese Definition alleine schon eine Friedensbotschaft trägt.

    Wenn ich ihre Formulierung lese, dann glaube ich, dass Peter Levine in seiner Antwort stark den Archetyp einer Person benannt hat und nicht die Person selber. Es wird immer Krieger-Typen geben aus dieser Sicht. Die Frage ist, ob sie zu Kriegern des inneren Friedens werden können oder nicht. Archetypen sind aus Levine-Sicht eine Ebene von überpersönlicher Manifestation wichtiger kultureller Stimmen. Er bezieht sich beim Thema der Archetypen auch immer sehr direkt und gerne auf das Archetypen-Verständnis von Carl Gustav Jung. Ray im gezeigten Film kämpft ja am Schluss auch darum, dass er sich für seine Familie einsetzt und nicht als traumatisierter Ehemann und Vater unbewusst für Leid sorgt.

    Natürlich hat es hinter Ray auch eine gesellschaftliche Ebene – er ist Amerikaner und in der amerikanischen Kultur ist der Krieg immer mit Heldentum verbunden. Und im nationalistischen Sinne bekommt ihre Kritik sicher eine volle Berechtigung. Doch das ist aus meiner Warte eine andere Ebene. Peter Levine ist auch Amerikaner, natürlich. Aber in seinem Wirken und mit seinem Modell (zusammen mit seinem Wunsch, den Lebensabend gerne in der Schweiz zu verbringen – was leider nicht so einfach ist wegen politischen Bestimmungen) ist er im Kern bezogen auf die systemimmanente Kultur ein Anti-Amerikaner.

    Mit freundlichen Grüssen

    Urs Honauer
    Polarity Bildungszentrum Schweiz

  2. Billy Meyer sagt:

    Sehr geehrter Herr Honauer
    Besten Dank für Ihre Zeilen. Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, auf meinen kritischen Gedanken zu antworten. Ihre Ergänzungen finde ich interessant und wichtig. Berührt hat mich Ihre Fragestellung «…ob sie zu Kriegern des inneren Friedens werden können oder nicht». Sehr wahrscheinlich ist es wirklich so, dass sogar der Einsatz für den inneren Frieden als Krieg erlebt werden kann, und wir wohl noch lange mit dieser «heldenhaften» Spiral(abwärts?)bewegung unterwegs sein werden. Natürlich möchte ich das nicht, weshalb ich auch die individuelle und die gesellschaftlich-politische Ebene eigentlich nicht mehr trennen möchte, im Wissen, dass das wohl eine Utopie ist. Ich hoffe, dass die Wirkung von Individuen aus in die Gesellschaft fliesst und umgekehrt, dass sich also zum Beispiel traumatisierte Kriegsheimkehrer nach einer «erfolgreichen» Traumatherapie, vielleicht sogar zusammen mit ihren Therapeuten öffentlich und lautstark gegen den Krieg äussern. Oder dass Kriegsverweigerer und Kriegsaussteiger nicht mehr als Verräter gebrandtmarkt werden, wie das zum Beispiel in Israel der Fall ist, sondern als gesunde Menschen angesehen werden, die dem Leben und dem Lebendigen zugewandt sind. Hier spüre ich ein wenig meinen persönlichen Warrior, der sich zumindest verbal und gegen die Zustände, wie ich sie wahrnehme anschreibend wehren möchte. Ich fühle, dass auch mein kritischer Gedanke seine Wurzel wohl in diesem manchmal von mir als ohnmächtig erlebten Umfeld hat.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>