Zwischen Barrieren unterwegs

schiebedachJa, jetzt oute ich mich. Ein Fastunfall hat mich Ende 2015 ereilt. Eben nur fast. Und streng genommen wäre wohl auch bei Ausbleiben einer Reaktion meinerseits lediglich ein finanzieller Schaden übriggeblieben. Doch das Ereignis würde auch im Flugverkehr zumindest als Fastunfall registriert werden. Bevor ich die Begebenheit schildere, interessiert mich an dieser Stelle schon mal, wer von Euch sich auch schon mal in so eine Situation gelenkt hat. Selbstinszenierung pur!

Wohlgenährt – ich komme gerade von Kaffee und Kuchen – fahre ich mit meinem Kleinwagen auf einen mit Barrieren bewachten Tramübergang zu. Von rechts oben, fest installiert an einer robusten Stange, leuchtet ein rotes Licht herab. Geflissentlich und im Nachhinein muss ich zugeben, bewusst, von mir ignoriert, und, wahrscheinlich weil die Barrieren noch oben sind, fahre ich ruhig weiter auf den Tramübergang. Da von rechts viele Fahrzeuge herbeirauschen wird für mich die Weiterfahrt auf dem Tramübergang gestoppt. Und während ich nach weiteren Fahrzeugen von rechts Ausschau halte, schiebt sich plötzlich – unverhofft kommt oft – eine sich senkende rotweisse Barriere in mein Sichtfeld. Oh, wenn sich vorne was senkt, wird sich wohl hinten auch was senken. Und tatsächlich: der kurze Blick nach hinten bestätigt die Vorahnung. Nun lege ich den Rückwärtsgang ein, um nach hinten weg vom Tramübergang zu fahren. Doch die Maschine, die ich sonst doch so blind beherrsche, respektive der ihr Leben einhauchender Teil, Motor genannt, stellt ab. Viele Gedanken tanzen durch meinen Kopf; unterstützt von meinen Augen, die ungefähr im Abstand von 400 Metern links an der Tramhaltestelle eine Tram erblicken, die schon bald dort durchfahren möchte, wo ich im Moment stehe. Das beunruhigt mich jedoch nur bedingt, da ich innerlich an den Menschenverstand der Tramführerin appelliere und zu wissen annehme, dass diese ihr ziemlich wuchtiges Gefährt rechtzeitig wieder zum Stillstand bringen wird. Gleiches Szenario wird ebenfalls via meine Augen beim Blick nach rechts an mein Gehirn aktiviert. Das Fazit ist klar: physisch wird meiner Passagierin und mir nichts passieren, auch wenn wir es nicht schaffen rückwärts wieder auf die Strasse zurück zu fahren. Dieser Teilerfolg, Bewahrung der Unversehrtheit, reicht mir jedoch nicht. Ich will mehr. Ich will da raus, ich will unsere Köpfe aus der Schlinge der sich zügig senkenden Barrieren retten. Gedacht, getan. Ich starte das Fahrzeug und fahre rückwärts auf die Strasse zurück. Unterwegs kracht die sich senkende Barriere genau dort auf das Autodach, wo die Öffnung zum Schiebdach mit einem Schmutz- und Wasserabweiser geschützt ist. Nachher senkt sie sich weiter hin an ihren Bestimmungsort. Huch, geschafft. Die Trams nähern sich. Zuerst das linke, dann das rechte. Leicht adrenalisiert beobachte ich die beiden Nah-Verkehrsmittel wie sie an uns vorbeihuschen. So, als ob gar nichts passiert ist, so als ob ein paar Sekunden vorher nicht noch ein Auto mit zwei Passagieren ihnen im Weg gestanden hätte. So als ob deren Tramführer sich nicht schon ein Szenario hätten ausdenken müssen, wie sie dann auf diese Situation reagieren müssten. So als ob, so als ob, so als ob. Passiert ist doch gar nichts. Lediglich, dass die Affen in meinem Geist von einem, zum Glück nicht «fertig» erlebten Ereignis so tüchtig genährt worden sind, dass daraus dieser Text geworden ist. Danke fürs Lesen! Und Ihnen eine gute Zeit.

Veröffentlicht unter Kolumne
Ein Kommentar auf “Zwischen Barrieren unterwegs
  1. Nochmal Glück gehabt meine Lieben! Das hättet Ihr auch nicht gedacht, die Barriere mal durchs Panoramadach zu erblicken. Gottseidank die Trams und nicht ein Schnellzug. So zwischen den Barrieren, ist doch gar nicht Deine Art der Selbstinszenierung. Auf Grenzsuche, bis auf weiteres, bitte stärker auf Signalhinweise achten. Die blinde Beherrschbarkeit der äusseren Welten, steht nicht in Relation zur Leichtigkeit des inneren Seins. Dein / Euer Abgang mit dem Nahverkehr, würde mir mehr als nah gehen. Ich möchte gern noch ganz viele Jahre mit Euch in dieser schönen Welt zubringen. Also gebt schön acht!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>