Konzert-Beobachtung aus der U-Theorie-Perspektive

HorizontSwisschambers

Seit drei Wochen beschäftige ich mich nun mit der U-Theorie von Otto Scharmer Webiste von Otto Scharmer und letzte Woche berichtete ich von meiner Zurückhaltung punkto Kritik an der Theorie. In diesem Punkt bin ich noch nicht weiter. Doch ich habe mich entschieden das Wort Kritik dennoch Ernst zu nehmen und selbst eine Kritik zu verfassen. Nein, nicht von der U-Theorie und, nein, ich bin kein Musikkritiker. Doch die Aufführung der Winterreise von Franz Schubert im Rahmen der Swiss Chamber Soloists (link) Ende Januar 2015 in Basel hat mich dazu verführt, auf Basis und vor dem Hintergrund der vier Ebenen des Zuhörens, die in der U-Theorie für die persönliche Transformation eine Bedingung darstellen, eine Konzertbeobachtung zu verfassen. Hier noch ein Hinweis: Zur Aufführung gelangte eine von Normand Forget bearbeitete «Winterreise» für Tenor, Akkordeon und Bläserquintett. Na, dann mal los.

Erste Ebene des Zuhörens

Die erste, im Kontext der U-Theorie auch unterste Ebene des Zuhörens, umfasst die Ebene des Gewohnten. Also; ich höre, was ich schon immer gehört habe. Ich nehme wahr, was ich schon immer so wahrgenommen habe. Ich bestätige lediglich, was ich auch schon gehört, respektive beurteilt habe. Dazu passen inhaltlich und vom schriftlichen Ausdruck her bestens meine ersten kritischen Beobachtungen, wonach der ausgezeichnet singende Tenor Julian Prégardien sehr wahrscheinlich noch präsenter und authentischer hätte wirken können, hätte er nicht regelmässig nach dem Liedtext geschaut. Von gleicher Qualität ist die Feststellung, dass die Liedtexte mich zu eigenen Geschichten führen und dass das bunte Solistenensemble dann am kraftvollsten tönt, wenn alle gleichzeitig spielen und ich dennoch die verschiedenen Instrumentalbeiträge heraushören kann.

Zweite Ebene des Zuhörens

Die zweite Ebene des Zuhörens meint, dass ich beginne Unterschiede zu mir bereits Bekanntem wahrzunehmen. Mein Geist öffnet sich für diese Art der Wahrnehmung, was dazu führt, dass ich Bekanntes hinterfrage. Dazu gehört zum Beispiel meine Beobachtung, dass zur musikalischen Untermalung von Liedtextbegriffen aus der Fauna andere Instrumente zum Einsatz kommen als zur Untermalung von Begriffen aus der Flora. Auch dass verschiedene, in den Liedtexten zum Ausdruck gelangende Gefühle von unterschiedlichen Instrumenten verstärkt, getragen oder aufgeweicht werden, ist für mich eine neue Wahrnehmung, die mir das Ensemble ermöglicht. Und dann ist an dieser Stelle noch Platz für die Beobachtung, dass die Beziehungsgesten zwischen dem Tenor und der Akkordeon-Spielerin nicht nur die professionelle Verbindung widerspiegelt, sondern an manchen Stellen durchaus als Abbild der in den Liedtexten besungenen inneren Erlebniswelt fungiert.

Dritte Ebene des Zuhörens

Auf der dritten Ebene des Zuhörens verbinden wir uns, ausgelöst durch die Aktivierung unserer empathischen Fähigkeit, direkt mit dem Herzen der anderen Person, also mit dem Ort, von dem aus der Andere spricht. Und wie für den Musikvortrag gilt auch hier: Üben, üben, üben. Und wenn es uns gelingt, von dieser dritten Ebene aus zu hören, stellen wir unsere eigenen Voreingenommenheiten und Denkmuster zurück und beginnen die Welt mit dem Sehvermögen und aus der Perspektive des anderen wahrzunehmen. Ein Beispiel für diese Form des Zuhörens stellt für mich meine Kontaktaufnahme mit dem ausdrucksstarken Tenor dar. Im kurzen Augenkontakt spiegelt sich die gemeinsam geschaffene Verbindung zwischen Publikum und Musiker. Der körperliche Einsatz und das offenkundige Bemühen von Julian Prégardien, den Liedinhalt auch gefühlsmässig zu interpretieren treffen in diesem Moment auf meine Wahrnehmung der Musik auf körperlicher Ebene. Ich habe das Gefühl, dass wir für einen ganz kurzen Moment die Freude am Vortrag teilen, respektive, ich spüre ganz deutlich, dass es den Tenor nicht nur freut zu singen, sondern auch freut, Freude zu bereiten. Mich überrascht dieses Erleben. Es zeigt mir deutlich, was möglich wird, wenn ich meine Voreingenommenheit ablege; in diesem Fall mein Denkmuster vom Ablesen von Liedtexten und was dadurch verunmöglicht werden könnte. Was für ein schön-harmloses Beispiel für die Wirkung von Vorurteilen, die allesamt auf der Ebene des Gewohnten zuhause sind.

Vierte Ebene des Zuhörens

Nun wage ich mich noch auf die vierte Ebene des Zuhörens, dank der wir uns mit etwas verbinden können, das von der Zukunft her neu entstehen will. Otto Scharmer spricht in diesem Zusammenhang von einem offenen Willen, der dazu notwendig ist, sowie davon, dass wir dadurch eine Verschiebung in unserem Selbst und in unserer Identität erfahren. Schliesslich erreichen wir eine andere Qualität von Gegenwärtigkeit. Zugegeben – ein hoher Anspruch. Doch natürlich gilt auch hier: Üben, üben, üben.
Ansatzweise kann ich davon berichten, zum Beispiel mit der Beobachtung jener Momente, in welchen die Musiker während der Darbietung miteinander in Kontakt treten, respektive wie sie einander immer wieder auffordern und gegenseitig einladen, zusammen an «Dem», was sie gemeinsam kreieren teilzunehmen. Am eindrücklichsten kann ich die Beobachtung dieses Prozesses an der Begegnung zwischen dem Tenor und der Akkordeonspielerin Viviane Chassot festmachen. Die persönliche Identität (Ego?) derjenigen, die sich da oben auf der Bühne begegnen tritt zugunsten des Schöpferischen zurück und ermöglicht damit dem Zuhörer die prozessuale Anteilnahme sowie die damit verbundene Öffnung von Sinnen und Herz. Amen!, bin ich fast geneigt zu schreiben. Doch das bewusste Innehalten in diesem Moment hat für mich etwas geradezu Heiliges und Heilendes. Ich spüre, dass nicht nur mir das so geht, doch schon bald werden wir wieder von Konventionen eingeholt. Dazu gehört auch das Klatschen nach diesem Konzert, das mich brutal wieder auf die erste Ebene zurück schleudert. Mein Vorschlag fürs nächste Mal: Zu Beginn des Konzertes erfolgt die Ansage, dass nach Beendigung des Konzertes bitte für drei Minuten nicht geklatscht werden soll. Danach können all jene, denen die Darbietung gefallen hat, durch das Hochheben und Schwenken ihrer Arme ihre Begeisterung bekunden.
Mehr Informationen:
SWISS CHAMBER SOLOLISTS

Veröffentlicht unter Kolumne
2 Kommentare auf “Konzert-Beobachtung aus der U-Theorie-Perspektive
  1. RalfLippold sagt:

    Vielen Dank für das Teilen der einzigartigen Erfahrungen aus dem Konzertsaal. Ähnlich erging es mir in einigen Opern und Ballettaufführungen an der Semperoper Dresden (siehe Blog).

  2. Erste Ebene:
    Erfreulich ungewöhnliche Zusammensetzung, von wunderbar gespielten Instrumenten! Dass Julian Prégardien auf einen Liedtext schaute, ist mir völlig entgangen. Ich meinerseits hätte nicht präsenter sein können, aussser vielleicht, wenn ich nicht immer wieder selber auf den Text geschaut hätte, weil allein vom Zuhören, ich trotz deutscher Muttersprache, mit dem Sprachinhalt zu wenig vertraut und Aufgrund eigener, akustischer Hördefizite, dem ausgezeichneten Sänger nicht wortsinnstiftend hätte folgen können.
    Zweitens:
    Die Fauna und Flora ist mir trotz gärtnerischen Hintergundes gar nicht besonders aufgefallen. Ich war zu sehr mit den wetterähnlichen Atmosphären unterwegs, die mir diese luftdurchströmten Instrumente vermittelt haben – und ja, da waren Beziehungsgesten künstlerischer Natur, zwischen dem Tenor und der Akkordeonistin und auch von den anderen Musikern untereinander. Ich mag dieses aufeinander eingehen von Interpreten.
    Drittens:
    Wirklich schön und harmlos. Aber ich dachte die gewohnten Vorurteile seien in der ersten Ebene angesiedelt? Die Überwindung muss also hervorgehoben werden.
    Viertens:
    Der Künstler Hingabe, an ihren schöpferischen Akt, ermöglicht den Zuschauern die prozessuale Anteilnahme, sowie die damit verbundene Öffnung von Sinnen und Herzen – und Amen!
    Die dreifache Ausdehnung einer Schweigeminute ist mir ein absoluter Graus und sei es nur, weil ich nach erfolgter Winterreise, die klammen Hände warmklatschen möchte und ich befürchte, beim Armeschwenken, wie in der Schule, plötzlich zum Reden aufgefordert zu werden, meinen Achselhöhlenduft zu verwedeln, bzw. in den Genuss entsprechender Emissionen meiner MithörerInnen zu gelangen, oder mir die steif gewordenen Arme zu verrenken, weil meiner Begeisterung keine Hörbarkeit mitschwingt, ich am Ende deswegen unbeabsichtigt aufstehe (je höher ich schwinge, desto höher meine Begeisterung für die Künstler)und damit möglicherweise die Kleingewachsenen hinter mir in den Schatten stelle, oder durch grossgewachsene vor mir das Nämliche erleide. Also bitte lieber wieder die erste Eebene.
    Vielen Dank für Ihre bewundernswert lange Aufmerksamkeit!

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