Persönlicher Brief an eine öffentliche Person

Lieber Roger Schawinski
ich möchte Ihnen herzlich dafür danken, dass Sie Herrn Thiel in Ihre Sendung eingeladen haben. Damit haben Sie mir, und sehr wahrscheinlich auch ganz vielen anderen Zuschauerinnen und Zuschauern die Möglichkeit gegeben, an sich zu arbeiten.
Wie ich das meine? In der persönlichen Selbsterfahrungsarbeit gibt es eine Technik, in der du mit Deinen verschiedenen inneren Stimmen Kontakt aufnimmst. Dafür frägst Du zuerst bei der Stimme des «Kontrolleurs» um Erlaubnis, dass Du auch andere Stimmen in Dir befragen kannst. Zum Beispiel die Stimme des «Zynikers» oder die Stimme des «Skeptikers».
Auf die Idee gekommen, ihr Interview aus diesem Blickwinkel anzuschauen bin ich gekommen, nachdem ich darüber nachgedacht hatte, weshalb sich das Gespräch so entwickelte. Für mich war der Schlüssel dafür die Eingangssituation, nachdem Sie Herrn Thiel die erste Frage gestellt hatten, und er sie zurückfragte: «Und WER stellt diese Frage?» Natürlich haben Sie diese Frage nicht wirklich gehört und deshalb auch nicht beantwortet, weil Ihre äusseren und inneren Konzepte diese Frage nicht hören wollten.
Gerne erläutere ich Ihnen, ich weiss ungefragt, meine Hypothese. Herr Thiel stellte seine Frage an Ihren inneren Zyniker, der Ihnen zwar leibhaftig in Form von Herrn Thiel gegenüber sass, den Sie aber nicht sehen konnten, weil Sie ihn in sich noch nie angeschaut und mit ihm auseinandergesetzt haben.
schawinskyspieg
Deshalb habe ich auch dieses Bild oben ausgewählt. Ihnen sitzt Ihr Spiegelbild des Zynikers gegenüber, doch Sie konnten es nicht sehen. Sie konnten in dem Moment nur das sehen, was Sie bereits einmal gesehen hatten. Und Sie haben fortan alles dafür getan, dass Sie dieses Spiegelbild nicht sehen mussten. Die ganze Energie ist in Ihre Abwehr geflossen. Es war Ihnen nicht mehr möglich das Gegenüber als gleichberechtigten Interviewpartner zu sehen; ihm mit Respekt auf Augenhöhe zu begegnen.
Sicher fragen Sie sich, warum ich das so beschreiben kann? Weil ich das kenne, aus meiner Kindheit. Der Zyniker war mein Verbündeter, um den Schmerz der Gegenwart nicht ganz an mich heranzulassen. Um zu überleben und um meine Verletzlichkeit nicht der Aussenwelt preisgeben zu müssen. Heute bin ich meinem damaligen Zyniker dankbar dafür, dass er seine Arbeit so geleistet hat. Und wenn ich heute in Versuchung gelange, ihn wieder einzuladen, dann versuche ich nachzuspüren, was mich dazu bewegt, dem Lebendigen abzusagen. Denn der Zyniker ist nicht wirklich am Leben interessiert. Er ist konstant damit beschäftigt das Überleben einzuüben; koste es was es wolle.
Der Verlauf Ihres Interviews hat mich dazu bewegt, diese Zeilen so zu verfassen. Und mir noch einmal darüber im Klaren zu werden, wie wichtig es für mich ist, mit dieser inneren Stimme im Kontakt zu bleiben. Damit ich rechtzeitig agieren und, in Ihrem Falle, aussteigen und/oder es benennen kann, wenn ich merke, dass es nur noch destruktiv ist.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit und alles Gute.
Ihr Billy Meyer

Veröffentlicht unter Kolumne, Uncategorized

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>