Eine Achtsamkeitsgeschichte

BildAuf dem Zettel stehen zwei Worte: Sonnenblumenkerne und Milch. Mein Liebling bittet mich diese zwei Artikel im benachbarten Fast-Immer-Offen-Shop zu kaufen. Auf dem Heimweg parkiere ich mein Fahrrad vor dem Laden und steuere schnurstracks auf die Milch und die Sonnenblumenkerne zu. Im Laden merke ich, dass ich hungrig bin und mache auf dem Weg zur Kasse einen Abstecher über die Brotauslage. Herrlich! Ein Laugenzöpfli und ein Mehrkorn-Weggli liegen für mich bereit. Mit Käse, ein Gedicht! Mir läuft bereits das Wasser im Mund zusammen. An der Kasse bezahle ich, packe meine Beute ein, und schwinge mich aufs Velo nach Hause. Dort leere ich den Plastiksack und stelle erstaunt fest: Huch, wo sind die Sonnenblumenkerne. Sie fehlen. Also, rein in die Schuhe und den Mantel und noch einmal zurück in den Fast-Immer-Offen-Laden. Unterwegs treibt die Fantasie ihre Blüten: Hoffentlich liegen die Kerne noch in der Ablage nach der Kasse, hoffentlich hat sie nicht jemand anders mitgenommen, hoffentlich muss ich sie nicht noch einmal bezahlen. Wieder parkiere ich das Velo vor dem Geschäft und steuere erwartungsvoll die Kasse an: «Entschuldigen Sie», unterbreche ich den jungen Mann an der Kasse, der gerade dabei ist, eine Kundin zu bedienen,«haben Sie meine Sonnenblumenkerne gesehen. Ich habe Sie vor fünf Minuten hier gekauft und hier liegen gelassen.» Der junge Mann dreht langsam seinen Kopf zu mir rüber und teilt mir wortlos mit, dass er überhaupt keine Ahnung hat, wovon ich spreche. «Aha», denke ich, «hat sie also doch jemand mitlaufen lassen, meine Sonnenblumenkerne.» Meinen Groll ersticke ich mit der Handlung zum Regal, wo sich die Sonnenblumenkerne befinden, denn ich kann nicht ohne Sonnenblumenkerne nach Hause gehen. Unterwegs kommt mir der brillante Einfall, doch einmal die andere Verkäuferin im Laden zu fragen, die gerade mit dem Nachfüllen von Joghurts beschäftigt ist, ob Sie meine Sonnenblumenkerne wieder zurückgelegt hat. Im Gegensatz zu ihrem Mitarbeiter, der mit meiner Wahrnehmung des Ablaufs gar nichts anzufangen wusste, erwiderte die Verkäuferin:«Meinen Sie die, welche Sie beim Brotregal haben liegen lassen. Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie wieder an ihren Platz zu legen.» Spürend, wie wichtig mir mein Anliegen ist, pfeilt Sie sofort zur Brotablage und zeigt mir, wo meine Sonnenblumenkerne, die ich meinte bereits bezahlt gehabt zu haben, unberührt auf mich warteten. Sehr zufrieden und über mich lachend packe ich das Pack Kerne und laufe zur Kasse. Dort will ich mit dem jungen Mann das Happy-End meiner Geschichte teilen, doch sein Fokus ist bei der Arbeit. So erzähle ich diese Geschichte Ihnen, und freue mich, wenn Sie Ihnen gefallen hat.

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2 Kommentare auf “Eine Achtsamkeitsgeschichte
  1. Und wereliwär ist denn jetzt der zerstreute Kernliprofessor?
    Es klingt autobiographisch, ich glaub den Kerl kenn ich!

    Ich hätte auch noch was zu erzählen.
    Bin zum wiederholten Male unterwegs zum Bienenwachskerzenziehen am Weihnachtsmarkt beim Barfi. Beim schmucken Holzhäuschen angekommen, will ich mich telefonierend an die holzige Aussenwand lehnen und hätte mir ums Haar eine rund 4cm aus der Wand hervorschauende Metallschraube in den Arm gerammt. Was hervorschaute war das spitze Ende der Schraube. Inwändig wurden damit die Kerzendochtrollen befestigt.
    Um vorhersehbares Unheil abzuwenden, setzte ich einen dort tätigen jungen Mann davon ins Bild mit der höflichen Bitte die Gefahr zu bannen. Dieser zuckte aber nur mit den Schultern und fühlte sich durch meine Besorgnis sichtbar belästigt, ebenso ein weiterer dort beschäftigter junger Mann, an den ich mich mittlerweile etwas hilflos
    und konsterniert gewendet hatte. Langsam in Wallung fragte ich nach einer verantwortlichen Person, worauf ersterer Junger Mann meinte das sei er (grinsend), was ich ihm – weiterhin höflich- aber ausgesprochen, nicht glauben wollte. Im Moment war nichts zu machen und ich versuchte mich auf den eigentliche Grund meines Besuchs einzulassen. Honigkerzenziehen. Etwas später taucht ein vertraueneinflössender Angestellter auf, von dem ich mich ernstgenommen fühlte und der Abhilfe versprach. 3 Stunden später,
    erfüllt vom wiederholt enorm sinnlich- kreativ erlebten Prozess des
    Bienenwachskerzenziehens, verlasse ich mit 8 selbergemachten Kerzen das gutduftende Holzhaus. Die spitze Schraube ist notdürftig
    mit Wachs und Papier etwas abgedeckt. Wie nah ist sich doch heimeliges und unheimliches, Achtsamkeit und Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit. Beim Barfi Bienewachshäuschen ist ein beliebter Treffpunkt für Ausgangsfreudige. Also Leute, lehnt Euch nicht unvorsichtig an Holzwände, gerade wenn es nach Honigkerzen duftet.

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