Symposion im Kloster Seeon: Erinnern – Vergessen – Gedenken

2. Symposium der Zeitschrift Praxis der Systemaufstellung

im Kloster Seeon im Juli 2010

Erinnern, Vergessen, Gedenken – Ja! Da war was!

Im Titel waren sie nicht explizit erwähnt. Doch wer denkt in Deutschland nicht an den 2. Weltkrieg und den Holocaust, wenn ein Symposium zum Thema „Erinnern, Vergessen, Gedenken“ mit der Ergänzung „Zur Dynamik der Erinnerung und den Möglichkeiten der Vergangenheitsbewältigung für Opfer und Täter und deren Nachkommen, angeboten wird. Richtig! Und so war es auch; zielgerichtet. Und was sich in den zwei Tagen im Juli 2010 in den Räumlichkeiten des Klosters Seeon im lieblichen Chiemgau ereignete, entfalten und zeigen konnte war gleichermassen Ergebnis und Fügung der inneren Sammlung und Ausrichtung der rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sowie der  beiden wissenschaftlich Vortragenden Jan und Aleida Assmann. Die zwei äusserst kompetenten Referenten näherten sich dem Thema mit wertfreien Beiträgen, die praktisch alle auf die emotionalen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Bedingungen fokussierten, auf diese generationenübergreifende Katastrophe  reagieren, respektive sie betrauern,  sinnlich und sinnvoll verarbeiten, integrieren und transformieren zu können; sowohl individuell wie auch gesellschaftlich kollektiv. Zwei originelle Ausnahmen, für die beide Jan Assmann besorgt war, ragten inhaltlich über diesen historischen Tellerrand hinaus. Zum einen sein Vortrag „Altägyptische Vorstellungen von Selbst und Seele“, zum andern der Beitrag „Freuds Moses und die Formen unbewusster Tradierung“.

Bereits in seinem ersten Vortrag, in welchem der Forscher die Tagungs-Teilnehmer auf eine anregende Zeitreise ins Altertum mitnahm, zeigte Prof. Jan Assmann keinerlei Berührungsängste mit den Haltungen und Vorstellungswelten der Aufsteller, ja im Gegenteil, er bediente mit seinen Ausführungen zu Totenkult und  verschiedenen Todesaspekten der alten Ägypter ihre Fantasien. Besonders animiert fühlte sich diese „Verwandtschaft“ bei seinen Erläuterungen zur „Weigerung gegen das Nachsterben des Sohnes“ oder bei der Ausführung seines Befundes, dass bereits für die Alten Ägypter das Leben „ein konnektives, ja konstellatives System“ darstellte. Nach dieser erfrischenden Ouvertüre wechselten die beiden Forscher und mehrfachen Buchautoren in das theoretische Feld. Mit ihrer Einführung in die gedächtnistheoretischen Grundlagen „Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis“ (Jan Assmann) zum einen, und „Autobiografisches Gedächtnis – Grundbegriffe und Unterscheidungen“ (Aleida Assmann) zum andern legte das Ehepaar einen Teppich von Vorwissen aus, auf welchem wohl auch die Aufstellergilde mit ihren Klienten unterwegs ist. Überhaupt war es nicht schwierig, was sich auch in den von Gunthard Weber moderierten Diskussionsstrecken zeigte, gegenseitiges Wohlwollen sowie Neugier und Offenheit auszumachen. Einerseits hatte sich das Ehepaar Assmann schon im Vorfeld auf die Ausstrahlung der Aufstellungsarbeit eingelassen und andererseits war das Publikum bereit von der akademischen Betrachtungsweise zu profitieren. Das trifft auch für den Block „Phasen der deutschen Erinnerungsgeschichte nach 1945“ zu, in welchem Aleida Assmann sowohl eine Auslegung der „sozialen und politischen Erinnerungsrahmen nach 1945“ vorstellte als auch eine „ Dynamik der Generationen“ präsentierte. Ihre Verdeutlichung, dass Generationen von unterschiedlicher Dauer sind und durch gemeinsam erlebte Ereignisse definiert und geprägt sein können, waren für die Aufstellungsarbeit wertvolle Gedanken. Sehr stimulierend verlief dann der Austausch am Samstag Abend, der sich im Anschluss an die Ausstrahlung des Dokumentarfilmes „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiss“ des deutschen Regisseurs Malte Ludin entrollte. Der Filmemacher dokumentiert darin seine intensiven Bemühungen die Nazi-Vergangenheit seines Vaters (Hanns Ludin war Hitlers Gesandter und bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches für die Slowakei und damit mitverantwortlich für die Deportation von mehr als 200000 Jüdinnen und Juden) ans Licht zu bringen. Malte hofft, seine Geschwister für sein von ihm zum Familien-Anliegen erklärtes Bedürfnis nach Erhellung der Vergangenheit gewinnen zu können. Das ist jedoch nicht der Fall, und der Film erzählt eindrücklich von der Dynamik, die entstehen kann, wenn an gut behüteten Familien-Geheimnissen gezehrt und gerüttelt wird. Und vor dem Hintergrund gerade dieses schwierigen Kontextes ist es den Schwestern des Filmemachers hoch anzurechnen, dass sie die historische und emotionale Anschauung ihrer vertrackten Vaterliebe einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machten und damit wohl dazu beigetragen haben, dass bei manchen Zuschauerinnen und Zuschauer die eigenen Familien-Tabus ins Blickfeld rücken dürfen.

Der letzte Vormittag dieser lebendigen und kräftigenden Tagung stand im Zeichen geistesgeschichtlicher und literarischer Kontexte. Nachdem Jan Assmann sich um „Freuds Moses und die Formen unbewusster Tradierung“ gekümmert hatte, schöpfte seine Frau, u.a. Autorin des Werkes „Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“ (C.H. Beck Verlag 2006) am Beispiel zweier Erinnerungsromane aus dem Vollen. Für ihre im historischen Gedächtniskontext eingebetteten Folgerungen zum Thema „Leerstellen der Erinnerung – Trauma und Trauer“ verglich sie die künstlerisch ausgeprägte Vorgehensweise der beiden deutschen Autoren Uwe Timm (Am Beispiel meines Bruders; DTV 2005. ISBN 3-423-13316-3) und Peter Härtling (Nachgetragene Liebe; Luchterhand, Darmstadt und Neuwied) miteinander. Deren aufrichtige Bemühungen, ihre persönlichen Leerstellen der Erinnerung in persönliche Lehren aus Versatzstücken der eigenen Familiengeschichte sowie der deutschen Geschichte im 2. Weltkrieg zu transformieren, unterlegte Aleida Assmann mit einschlägigen Textbeispielen. Eindrücklich dabei das Fazit von Uwe Timm. Er fasst seinen literarischen Versuch der familiären Vergangenheitsintegration in der wunderbaren Formel zusammen, “das Behaltene in Erinnerung aufzulösen“.

In der Schlussdiskussion zeigt sich dann noch einmal der frische Geist, der bereits die ganze Veranstaltung durchwirkte. Sich begegnen, sich zuhören, aufeinander neugierig sein und voneinander lernen. Aleida Assmann meinte zum Schluss, dass die Tagung sich vor allem den Gebieten Erinnern und Vergessen gewidmet habe, das Gedenken sei wohl ein wenig zu kurz gekommen. Konkret inhaltlich und intellektuell mag das wohl der Fall gewesen sein. Emotional überhaupt nicht. Für mich war diese Veranstaltung auch eine Art des Gedenkens, was mir ein paar Tage später bewusst geworden ist, als ich in Dachau einer anderen, mehr museums-pädagogisch verschriebenen Art begegnet bin. Für mich ist klar: es braucht beides.

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